Das Ende der unipolaren Ära

Seit dem Ende des Kalten Krieges dominierten die USA die Weltordnung – militärisch, wirtschaftlich und kulturell. Diese unipolare Ära gehört der Geschichte an. Mit dem Aufstieg Chinas, der Neupositionierung Russlands, der wachsenden regionalen Bedeutung Indiens, der Türkei und der Golfstaaten entsteht eine multipolare Welt. Für Europa ist das eine der tiefgreifendsten geopolitischen Herausforderungen seit Jahrzehnten.

Neue Machtzentren und ihre Agenda

China: Systemischer Rivale oder notwendiger Partner?

Die EU hat China offiziell als „systemischen Rivalen" eingestuft – und gleichzeitig als wichtigen Handelspartner. Diese Spannung ist real: China ist Absatzmarkt für europäische Industrien und Lieferant für kritische Rohstoffe und Technologiekomponenten. Eine De-Risking-Strategie, die Abhängigkeiten reduziert, ohne Handel zu unterbinden, ist schwieriger umzusetzen als es klingt.

Russland: Krieg als Geopolitik

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Europas Sicherheitsarchitektur fundamental erschüttert. Er hat auch gezeigt, dass wirtschaftliche Verflechtungen allein keinen Frieden garantieren. Die Folgen – Energiepreisschocks, Flüchtlingsbewegungen, Aufrüstungsdebatten – werden Europa noch lange begleiten.

Globaler Süden: Kein monolithischer Block

Der sogenannte „Globale Süden" agiert zunehmend selbstbewusst und weniger nach westlicher Logik. Indien enthält sich bei UN-Abstimmungen zur Ukraine. Südafrika, Brasilien und andere Schwellenländer suchen strategische Autonomie. Europa muss lernen, diese Länder als gleichwertige Partner zu behandeln, nicht als Objekte westlicher Außenpolitik.

Was Europa tun muss

  1. Strategische Souveränität stärken: In Technologie, Energie, Verteidigung und Rohstoffversorgung darf Europa nicht von einzelnen Partnern abhängig sein.
  2. Eine gemeinsame Außenpolitik entwickeln: 27 Mitgliedstaaten mit 27 Außenpolitiken sind in einer multipolaren Welt nicht durchsetzungsfähig. Mehr Mehrheitsentscheidungen in der EU-Außenpolitik sind nötig.
  3. Eigene Verteidigungsfähigkeiten aufbauen: Die Abhängigkeit von der NATO und den USA ist ein Risiko – nicht weil die USA ein Feind sind, sondern weil politische Konstellationen sich ändern.
  4. Diplomatisch präsent bleiben: Europa muss in Konfliktregionen als Vermittler auftreten und glaubwürdig für multilaterale Lösungen werben.

Kein Rückzug in die Geschichte

Europa ist kein unbeschriebenes Blatt. Kolonialgeschichte, zwei Weltkriege, der Kalte Krieg – all das prägt die Wahrnehmung Europas in der Welt. Glaubwürdigkeit in einer multipolaren Welt bedeutet, diese Geschichte anzuerkennen und trotzdem – oder gerade deshalb – für eine regelbasierte, multilaterale Weltordnung einzutreten.

Die multipolare Welt ist keine Bedrohung, die Europa aussitzen kann. Sie ist eine Realität, auf die Europa aktiv antworten muss.